Globale Inflation, arabische Revolution und europäische Angst: Ein Überblick

Die Lage in Ägypten bleibt unüberschaubar. Zum jetzigen Zeitpunkt sieht es so aus, als würde sich das Volk nicht mit den angekündigten “Reformen” zufriedengeben und keine Fortsetzung des Mubarak-Regimes akzeptieren. In Tunesien ist inzwischen der Islamisten-Führer Rached Ghannouchi gelandet. Er hatte zuvor mehr als 20 Jahre lang im Exil gelebt. Auch in anderen Schwellenländern kommt es immer wieder zu Protesten. Die Gründe für die Wut der Menschen sind überall ähnlich: Sie fordern Freiheit, Arbeit und Brot. Denn die stark steigenden Rohstoff- und Lebensmittelpreise machen den Menschen in den Entwicklingsländern schwer zu schaffen. Die Herrschenden übertreffen sich derzeit mit kreativen Lösungen – um Protesten vorzubeugen. Auch die Führer der entwickelten Welt scheinen alarmiert.

Wie entwickelt sich die Lage in Afrika und im Nahen Osten?

In Algerien waren gestern wieder zehntausend Menschen auf der Straße, um gegen die Regierung zu protestieren – die Zahl der Todesopfer durch Selbstverbrennung ist indes auf drei gestiegen. In Libyen scheint die Situation noch ruhig – westliche Medien fragen aber bereits, ob das Land zwischen Tunesien und Ägypten als nächstes Unruhen sehen wird. Hier kann man ein Video der Proteste im Jemen sehen, wo Präsident Ali Abdullah Saleh seit fast 32 Jahren an der Macht ist. Auch in Jordanien wird protestiert. Die größte Gefahr für die weltweite Stabilität dürfte aber von einer möglichen Revolution in Saudi Arabien ausgehen. Es gibt bereits Berichte von ersten Protesten. Das dortige Königshaus ist fest mit den USA verbündet. Aber das war Mubarak auch – und der wird derzeit von Präsident Obama langsam fallen gelassen. Genauso von der EU. In Saudi Arabien haben die USA aber handfeste Öl-Interessen.

Welche Rolle spielt die Inflation bei den Revolten?

Eine große Rolle, die von den Medien im Westen gerne verschwiegen wird. Dabei hatte die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO schon im Jänner vor Ausschreitungen wegen zu hoher Lebensmittelpreise gewarnt, ebenso die Weltbank. Tenor der internationalen Organisationen: Die Lebensmittelpreise könnten im Jahr 2011 noch viel stärker steigen. Ende 2010 erreichte die weltweite Lebensmittelteuerung Levels wie 2008. Damals kam es in Entwicklungsländern zu Unruhen. Der Tagesspiegel zitierte schon Anfang 2011 den Ökonomen Philippe Chalmin, einen Berater der Französsichen Regierung. Dessen Prognose: Um Ostern, also Ende April, würden Hungerrevolten ausbrechen. Die Prognose des Tagesspiegel trifft bisher voll ins Schwarze:

Algerien könnte der Auftakt einer globalen Serie von gewaltsamen Demonstrationen gegen kaum noch bezahbare Lebenmittel sein.

Der US-Ökonom und NYU-Professor Noriel Roubini sagte am Weltwirtschaftsforum in Davos:

“Steigende Preise führen zu Ausschreitungen und politischer Instabilität. Das ist wirklich etwas, das Regime stürzen kann, wie wir im Nahen Osten gesehen haben.”

Fotostrecken: 25 Länder, deren Regierungen wegen steigender Nahrungsmittelpreise fallen könnten, Steigende Nahrungsmittelpreise führen weltweit zu Protesten

Ist unseren Politikern diese Inflation egal?

Im Gegenteil. Auch in Deutschland explodiert die Inflation im Lebensmittelbereich. Die Teuerung an der Ladentheke ist inzwischen so auffällig, dass die Berechnung der “offiziellen” Inflationszahlen in den Medien angegriffen wird. Die Revolutionen in den Schwellenländern haben auch die Führer der westlichen Welt alarmiert. Allen voran Nicholas Sarkozy, den Präsidenten Frankreichs und Vorsitzenden von G20 und G8. Er will die Runde der G20 nutzen, um die Rohstoffpreise unter Kontrolle zu bringen. Wie sein Plan konkret aussieht, ist allerdings weiter unklar. In Berlin haben sich Ende Jänner gleich 50 Staaten verbündet, um gegen die hohen Nahrungspreise vorzugehen. Man will sich aber erstmal auf das Verhandeln konzentrieren und erwartet erst Ende des Jahres konkrete Handlungsvorschläge präsentieren zu dürfen. In Russland ist man schon weiter, dort werden bereits Preisgrenzen festgelegt. Ähnliche Meldungen kommen derzeit aus fast allen Ländern Nordafrikas und im Nahen Osten. Der Emir von Kuwait verschenkt sogar Essen an seine Bürger.

Wer ist Schuld an der Inflation?

Das sind per se die Notenbanken, die das Geldmonopol innehaben und entscheiden, wieviel Dollar/Euro/Yen/etc. “gedruckt” werden. (“Gedruckt” weil das allermeiste Geld heute nur noch in elektronischer Form vorhanden ist.) Die Zentralbanken scheinen derzeit andere Sorgen zu haben als die Geldwertstabilität und verzehren so mit zunehmendem Tempo die Sparguthaben der Menschen: Inflation wird zur globalen Gefahr (Welt Online)

Einzig die EZB hat kürzlich durchblicken lassen, dass eine Anhebung der Zinsen zur Drosselung der Inflation nicht mehr ausgeschlossen wird. Das Problem: Eine Anhebung der Zinsen könnte eben auch den leichten wirtschaftlichen Aufschwung wieder niederreissen.

Die Gelddruckpolitik der US-Notenbank Federal Reserve hat sogar die chinesische Zentralbank auf den Plan gerufen. In einem ungewöhnlich scharfen Statement verurteilte diese das Amerikanische Inflationsprogramm als “ineffizient und gefährlich.”

Die Gründe für die inflationäre Politik des Westens sind vielfältig. Die Erhaltung eines leichten Aufwärtstrends an den Börsen, um den Anschein wirtschaftlicher Stabilität zu erwecken, scheint zu den wichtigsten Gründen für das Gelddrucken zu gehören. Der stetig steigende Goldpreis seit 2001 weist außerdem darauf hin, dass diese inflationäre Politik nicht erst 2008 sondern spätestens nach dem Platzen der dotcom-Blase Anfang des Jahrtausends eingesetzt hat. Die Bemühungen, die Wirtschaft durch immer mehr Liquidität zu beleben, haben seit 2008 aber merklich zu genommen. Gold ist deswegen ein guter Inflationsindikator, weil es Geld repräsentiert, das – anders als Dollar/Euro – nicht beliebig vermehrbar ist.

Weiterführende Links:

“Die aktuelle Misere ist das Ergebnis von zu viel Geld” – Interview mit Barclays-Chefökonom Thorsten Polleit

Warum die Inflation weltweit für Probleme sorgt – Interview mit Jim Rogers (englisch)

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