Ottakringer hat doch keinen Bock auf Stiegl

Die Geschichte einer Sommerlochmeldung – und die Frage aller Fragen: Meint Ottakringer das neue Logo ernst?

SubText. An einem Freitag mitten im alljährlichen Sommerloch ist so etwas aus Journalistensicht ein Fünfer im Lotto: Die Chefin von Firma-die-jeder-kennt A sagt, dass sie gerne Firma-die-jeder-kennt B kaufen würde. Noch besser: Firma A ist Ottakringer, Firma B die Stieglbrauerei.

Man stelle sich die Begeisterung in den Redaktionsstuben vor! Ein Bier-Merger – was das an Wortspielen ermöglicht. Da wäre: „Ottakringer schluckt Stiegl“ – genial, oder? Aber nicht ganz korrekt, schließlich hat Ottakringer Stiegl ja noch gar nicht geschluckt. Also: was machen? Weiß doch heutzutage jeder Praktikant: „Ottakringer hat Durst auf Stiegl.“ Daneben ein Bild von – genau! – einem vollen Stieglglas neben einem vollen Ottakringerglas irgendwo in der Sonne. In den Bildtext ein lässiges „Prost“ geknallt und die Geschichte schreibt sich ganz von selbst.

Wenn nicht die lästigen Fakten dazwischen kämen. Dass die Ottakringer-Chefin Christiane Wenckheim wirklich in einem Ö1-Interview urplötzlich ihr Übernahmebegehren bekannt gibt, ist doch irgendwie eigenartig, oder? Aber steht es nicht in der APA? Doch, tut es:

„Ottakringer-Chefin Christiane Wenckheim hat am Freitag im Radio-Ö1-Interview indirekt bestätigt, den Salzburger Konkurrenten Stiegl schlucken zu wollen. ,Stiegl wäre immer schön‘, sagte die Managerin.“

Wie jetzt, denkt sich der Redakteur. Ein Ferrari ist ja auch „immer schön“. Hat trotzdem nicht jeder – nur die, die sich einen leisten können. Ein Anruf in Salzburg reicht, um die Skepsis gegenüber der Meldung zu erhöhen. Die Stiegl-Pressestelle gibt sich amüsiert. Der Chef? Im Urlaub.

Wenig später kommt dann das Statement aus dem Urlaub des Stiegl-Chefs Heinrich Dieter Kiener zum „Sager“ von Wenckheim: „Ich freue mich sehr über das Interesse, denn ich sehe es als großes Kompliment für unsere geleistete Arbeit durch die von mir überaus geschätzte Kollegin, Frau Christiane Wenckheim. Aber es gibt eben Dinge im Leben, die immer Wünsche oder Träume bleiben.“ Soll heißen: Stiegl ist seit hunderten Jahren im Familienbesitz und wird es wohl noch eine Zeit lang bleiben.

Im 16. Wiener Gemeindebezirk schlägt die Antwort aus Salzburg nicht ein wie eine Bombe. Die ganze Meldung basiere auf der „Fehlinterpretation einer Suggestivfrage“, sagt Ottakringer-Sprecherin Birgit Hessel. Ö1 hätte gefragt, was denn wäre, sollte Stiegl irgendwann zu Verkauf stehen und Christiane Wenckheim habe darauf eben geantwortet: „Stiegl wäre immer schön.“ Es dürfte also wirklich nur ein Kompliment gewesen sein. Die Geschichte ist abgeschlossen: „Ottakringer hat doch keinen Bock auf Stiegl“ muss die Schlagzeile lauten.

An dieser Bierfront herrscht nun also Klarheit. Völlig offen bleibt indes, ob Ottakringer das Redesign seines ikonenhaften alten Logos vor einigen Monaten tatsächlich ernst meint oder es sich nur um einen groß angelegten, extrem teuren practical joke handelt. In den Absatzzahlen wird sich das Ganze wohl bald niederschlagen, denn unbestätigten Meldungen zufolge greifen immer mehr Biertrinker zu Konkurrenzmarken – weil sie die Zitronenform des neuen Ottakringer-Logos zu sehr daran erinnert, was ihre Freundinnen immer „Radler“ nennen.

 

nikolaus.jilch@diepresse.com

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 11.08.2012)

 

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